Die Arbeit »tabula rasa« ist das Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit dem Werk von Giorgio Morandi (1890 – 1964).  Die Einfachheit, die Banalität, die den Sujets Morandis innewohnt, hat mich von Anfang an fasziniert: banale Alltagsgegenstände: Flaschen, Büchsen, Vasen, die er unermüdlich kombiniert hat, in Reihe aufgestellt, hintereinander angeordnet hat und dabei oft stundenlang vor ihnen verharrte, bis er die richtige Anordnung seiner Protagonisten zueinander gefunden hatte, bis das Setting abgeschlossen war. Dann hat er in schneller Manier seine Malerei angefertigt. Der Akt der Malens hat verglichen mit dem Verrücken der Gegenstände einen Bruchteil an Zeit eingenommen, die Malerei war wie ein zum Abschluss bringen dessen was erlebt wurde. Der eigentliche Prozess des Einlassens auf die Dinge, die ihn umgeben haben, wird in dem Bild konserviert. Ähnlich meiner Art des Fotografierens: der Prozess des Eintauchens, sich verlieren im Bildsujet, ob das nun eine Landschaft oder wie hier die Dingwelt ist, nimmt den größten Teil der Arbeit ein. Der technische Akt des Auslösens braucht dann nur wenige Minuten. Aber es sind immer Setzungen, klare Entscheidungen, die meinen Fotografien vorausgehen, Schnappschüsse sind es nie.

Morandi hat seine Verrückungen, die Bewegung der Dinge auf dem Untergrund oftmals festgehalten: er hat die Umrisse der Gegenstände immer wieder auf der Unterlage markiert, wie Notationen und hat damit ein Stellungsbild geschaffen, so wie man sich vielleicht einen Tanzboden vorstellt, der übersäht von der Abfolge der Schritte ist. 

Die Tatsache, sich immer wieder mit den gleichen Gegenständen zu beschäftigen, die Kontinuität und Unerschrockenheit im Kontinuum der Zeit fand ich schon immer großartig und in einem gewissen grade auch verrückt, manisch. Im Laufe seines Künstlerdaseins sind die Dinge immer unscheinbarer geworden: Die Konturen haben sich aufgelöst, Hintergrund und Bildgrund haben sich übergangslos dargestellt, die Farben flossen ineinander. Die Dinge befinden sich in einem Zustand, indem es nicht mehr klar ist, ob sie verschwunden sind oder ob sie gerade erst entstehen. Es sind Dinge, die sein könnten, aber auch nicht sein könnten, die Stillleben sind gleichzeitig verschlossen und auch unabgeschlossen. Für den Betrachter erzeugt dies eine Gleichzeitigkeit von Stille und Unruhe, der Betrachter muss sich ständig neu im Bild situieren. Der französische Phänomenologe Merleau-Ponty sagt: »Wenn das Ding gänzlich erfasst würde, wäre es ohne jedes Geheimnis vor uns ausgebreitet.«

Das Geheimnisvolle im Werk von Morandi, der Schwebezustand zwischen anwesend und abwesend hat mich in meiner Arbeit zu tabula rasa beschäftigt. Mittels der Fotografie habe ich versucht den Dingen ihre eigentliche Würde zurückzugeben, sie von der Bedeutung, die sie durch die menschlichen Tätigkeiten, die mit oder an ihnen vorgenommen werden, zu befreien, sie aus ihrer alltäglichen Nutzung zu befreien und sie uns mit anderen Augen sehen zu lassen. Ich habe versucht die Dinge aus der Wirklichkeit in die Möglichkeit zu überführen, sie für den Bereich der Uneindeutigkeit, des Geheimnisses zu öffnen. Die Stillleben oszillieren zwischen Entstehen und Vergehen.