TABULA RASA, series, gelatin-silver paper, 40 cm × 40 cm each, framed, 2019/2020, Installation views at galerie internshop Leipzig, 2021

TABULA RASA, series, gelatin-silver paper, 40 cm × 40 cm each, framed, 2019/2020, Installation views at galerie internshop Leipzig, 2021

Die Arbeit tabula rasa ist das Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit dem Werk von Giorgio Morandi (1890 – 1964). Das Motiv seiner Gemälde, die Banalität seiner Sujets hat mich von Anfang an fasziniert: Morandi malte banale Alltagsgegenstände: Flaschen, Schalen, Gefäße, Kannen, Vasen, die von Menschen für den täglichen Gebrauch gefertigt wurden und in deren Proportionen sich zum einen die Eignung für die menschliche Hand widerspiegelt, zum anderen die Bezogenheit auf menschliche Bedürfnisse wie Trinken... Diese hat er unermüdlich kombiniert, in Reihe aufgestellt, hintereinander angeordnet und dabei oft stundenlang vor ihnen verharrt, bis er die richtige Anordnung seiner Protagonisten zueinandergefunden hatte, bis das Setting abgeschlossen war. Dann hat er in schneller Manier seine Malerei angefertigt. Der Akt des Malens hat verglichen mit dem Verrücken der Gegenstände einen Bruchteil an Zeit eingenommen, die Malerei war wie ein zum Abschluss bringen dessen, was erlebt wurde. Der eigentliche Prozess des Einlassens auf die Dinge, die ihn umgeben haben, wird in dem Bild konserviert. Ähnlich meiner Art des Fotografierens: der Prozess des Eintauchens, sich verlieren im Bildsujet nimmt den größten Teil der Arbeit ein. Der technische Akt des Auslösens braucht dann nur wenige Minuten. Aber es sind immer Setzungen, klare Entscheidungen, die meinen Fotografien vorausgehen, Schnappschüsse sind es nie.

Morandi hat die Beziehungen der Dinge zueinander, die Spuren, die die Dinge auf dem Untergrund hinterließen, oftmals festgehalten: Er hat die Umrisse der Gegenstände immer wieder auf der Unterlage markiert wie Notationen und hat damit ein Stellungsbild geschaffen, so wie man sich vielleicht einen Tanzboden vorstellt, der übersäht ist von der Abfolge der Schritte. 

Die Tatsache, sich immer wieder mit den gleichen Gegenständen zu beschäftigen, die Kontinuität und Unerschrockenheit im Kontinuum der Zeit fand ich schon immer großartig und in einem gewissen grade auch verrückt, manisch. Im Laufe von Morandis Künstlerdasein sind die Dinge immer unscheinbarer geworden: Die Konturen haben sich aufgelöst, die Grenze zwischen Hintergrund und Bildgrund verflüchtigte sich, die Farben flossen ineinander. Die Dinge wechselten so in einen Zustand, der offenließ, ob sie sich im Verschwinden befanden oder ob sie gerade erst entstanden. Es sind Dinge, die sein könnten, aber auch nicht sein könnten, die Stillleben sind gleichzeitig verschlossen und auch unabgeschlossen. Für den Betrachter erzeugt dies eine Gleichzeitigkeit von Stille und Unruhe, der Betrachter muss sich ständig neu im Bild situieren. Der französische Phänomenologe Merleau-Ponty sagt: »Wenn das Ding gänzlich erfasst würde, wäre es ohne jedes Geheimnis vor uns ausgebreitet.«

Das Geheimnisvolle im Werk von Morandi, der Schwebezustand zwischen anwesend und abwesend, hat mich in meiner Arbeit tabula rasa beschäftigt. Die Fotografie als Mittel meiner Recherche bildet uns vertraute Alltagsgegenstände losgelöst von ihrer alltäglichen Nutzung ab. In Kombinationen, die unterschwellig eine ironische Aussage erzeugen, ermögliche ich den Betrachterinnen, die Alltagsgegenstände aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen. Die Arbeit tabula rasa überführt die Dinge aus der Wirklichkeit in die Möglichkeit, öffnet sie für den Bereich der Uneindeutigkeit, des Geheimnisses. Tabula rasa ist auch eine Arbeit über den Verlust des Staunens, den Moment des Innehaltens, der Zentrierung, der Stille, um zum eigentlichen Grund der Dinge vorzustoßen. Das Leise gegen das Laute, das Oberflächige gegen das Tiefgründige. Die Stillleben oszillieren zwischen Entstehen und Vergehen.


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