BORDERS, 2012 - ongoing, coloured trees with lime wash, gelatin-silver paper, 70 cm × 100 cm each, Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg

BORDERS, 2012 - ongoing, coloured trees with lime wash, gelatin-silver paper, 70 cm × 100 cm each, Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg 

Silke Panknin borders


In verschiedenen Waldformationen färbt die Künstlerin Silke Panknin die Borke von Bäumen mit weißer Kalkfarbe ein. Die Höhe legt sie durch ihre Körpergröße fest. Die vertikale Markierung der Bäume ist durch die Aneinanderreihung verschiedener Bäume als Linie zu lesen, wobei sie die Anzahl der gekalkten Bäume durch den Ausschnitt im Sucher der Kamera bestimmt.


Die Künstlerin kalkt die Baumrinde der jeweils ausgesuchten Baumreihe mit einfachem gelöschtem Kalk, der mit Wasser angerührt wird (bekannt aus dem Obstbaumanbau zur Bekämpfung von Schädlingen bzw. zum Spannungsausgleich der Borke beim Übergang zwischen kalter und warmer Jahreszeit). Sie trägt die Kalkfarbe mit einem breiten Tapezier-Pinsel auf. Die weiße Farbe verschwindet witterungs-bedingt nach mehreren Regengüssen. Sie dokumentiert alle Baumlinien fotografisch mit einer analogen Hasselbladkamera. Es sind Schwarzweiß-Fotografien im Quadratformat, die in der Größe 70 cm  100 cm vergrößert werden.


Die Künstlerin hat das Projekt im Frühjahr 2012 in der Gemarkung Rammert bei Rottenburg in Baden-Württemberg begonnen. Die derzeitige Waldformation des Projektes ist im Gebiet des Forstamtes Grunewald in der Revierförsterei Wannsee in der Zuständigkeit des Forstmeisters Maximini angesiedelt.

Die ersten drei Linien befinden sich in Jagen 297, abgehend von der Pfaueninselchaussee etwa auf Höhe der Pfaueninsel unterhalb der Peter und Paulkirche, Linie vier in Jagen 290, abgehend vom Nikolskoer Weg in den Dachsweg, die Linien fünf und sechs in Jagen 289 in Nähe zum Schäferberg ebenfalls abgehend vom Nikolskoer Weg, wobei die Wahl von Linie fünf auf das Birkenwäldchen fiel, in dem schon Phillip Franck, der Zeitgenosse und Kollege von Max Liebermann, seine Waldsujets malte. Die drei letztgenannten Linien erstrecken sich oberhalb der Peter und Paulkirche in Blickrichtung zur Pfaueninsel.


Der Betrachter und Rezensent bekommen das Projekt nicht in seiner originalen Form, also im jeweiligen Wald, dort, wo die Linien für eine begrenzte Zeit installiert sind, sondern als Abbild in der Fotografie zu sehen. Der eigentliche Akt und das originale Objekt bewahren so ihre Distanz zum Betrachter, und gestatten ihm durch die fotografische Dokumentation lediglich von außen einen Blick in die Arbeit. Prozess und verletzlicher Raum, der der Zeit unterworfene Vorgang, die Baumlinien selbst, dass »Tempelinnere« bleiben geschützt.


Mal scheint die Linie von einem Hügel auf den Betrachter zu zulaufen, mal geht sie den Hügel hinauf vom Betrachter weg. Mal säumt die Linie einen kleinen Kamm geradewegs, und mal verläuft die Linie den Hügel hinunter, durchquert eine Mulde und zeigt den Hügel wieder hinauf.


Beim Betrachten der großformatigen Fotografien beginnt die Arbeit lebendig zu werden. Sie bekommt ihr Eigenleben. Die weißgekalkten Stammteile scheinen sich zu bewegen, und sind doch bewegungslos. Eine Prozession, schreitend durch die Zeit in stummer Übereinkunft, aus unbekanntem Motiv mit unbekanntem Ziel. Totenwächter vielleicht, wachend über das quer liegende Totholz. Wegmarken in eine andere Welt, ausgesetzt den Geräuschen des Waldes, dem durch Morgen-, Mittags- und Abendlicht, durch Wind, Regen, Schnee und Sonne, durch Herbst, Winter, Frühjahr und Sommer ständig wechselnden Lichteinfall.


Dem Betrachter scheint, als könne er das frisch geschlagene Holz riechen, die Schläge der Waldarbeiter hören, die ersten Finkenrufe, den Kuckuck, als könne er die wintervermoderten Laubteppiche spüren, und vorsichtig ertasten die verletzliche Rinde.


Die Arbeit ist ein geduldiges Ereignis. In die Zeit gesetzt. Sie steht im Wald wie ein Atemzug ohne Gedächtnis. Sie legt frei einen Blick, der weiß und nichts verrät. Einen Blick ohne Reue, ohne Rat. Für Sekunden wird der Betrachter konfrontiert mit der rastlosen Träne des Augenblicks, und ein auf dem Wege der Absichtslosigkeit Berührtes schaut ihn an - ungefolgt, und kaum bemerkt.


Die Waldlinien von Silke Panknin suchen Orte auf, an denen die Sprache verloren und das Wort gefunden ist. Still und mitteilungslos erstehen sie, geben für Sekunden dem Betrachter ihr Geheimnis preis und haben keine Sprache als ihr kurzes tröstendes Da-Sein. Wächter sind sie, Hüter und Behüterinnen einer begrenzten vorübereilenden Zeit, unbeugsam und unbestechlich, weil sie ermessen können, was es zu beschützen gilt. Dem für die Kunst eroberten Natur-Raum wohnt eine Mischung aus Sinnlichkeit und nächtlichem Schauer inne. Sie sind Trauermarsch und gedankliches Abenteuer zugleich.


Botho Karger 2013



installation views world in a room, 2019, Berlin  

Lines by Silke Panknin

The artist began working on this project in spring 2012 in the Rammert district close to Rottenburg (Baden-Wuerttemberg). Currently the project’s formation of trees is located in the Grunewald forestry, which is part of Wannsee district overseen by forest warden Maximini.

In variating formations of forest the artist colours the bark of selected trees with limewash. The coloured surface of each tree relates to the artists height. The arrangement of the limewashed trees may be conceived as a line whilst the number of trees in the arrangement is determined by the field of focus seen through a camera.

The artist whitewashes the bark of several trees with blank limewash, which is mixed with water (as used in fruit-growing for pest control purposes as well as stress equalization of bark throughout a seasonal change of weather conditions). She whitens the trees using a broad paintbrush. In the course shifts in weather conditions the limewash fades. The artist continuously documents the line of trees using an analog Hasselblad camera. She then goes on to scale up the monochrome pictures in square-cut format to a size of 70cm x 100cm.

The first three lines are located in Jagen 297 deferring from Pfaueninselchaussee, Berlin near the Pfaueninsel a little further down from Peter and Paul Church. Line four is set in Jagen 290, from Nikolskoer Weg into Dachsweg, line five and six are set in Jagen 289 near Schaeferberg also branching from Nikolskoer Weg, which happens to be the birch grove where Phillip Franck a contemporary of Max Liebermann used to paint his well-known forestsubjects. The three remaining lines are spread out on the upper side of Peter and Paul Church facing Pfaueninsel.

Contemplating viewers as well as critics don’t get to witness the project in its original form in the particular forest scenes where the limewash remains for a short period of time. Instead they are viewing its image in a monochrome photograph. In this manner the actual shoot and its genuine subject tends to expose the perceptional gap allowing viewers to retrace the project via its photopgraphic documentation from the outside. Process and the vulnerability of space, the procedure in time, and the lines of trees itselves as the projects sanctuary remain exposed.

At times the line seems to run towards the viewer from little hills, other times its progressing uphill away from the observer. Sometimes the line corresponds to a small crest, then crosses a dell and ends up pointing upwards again.

When examining the upscale photographs the project springs to life. It reveals a life of its own. The whitewashed parts of bark seem to move and at the same time remain fixed. A procession, striding through time in tacit consent with its motive unknown and its goal as well. A guardian of death keeping watch over the deadwood crosswise covering the soil. Marks on the way to another world exposed to the sounds of the woods, the light of morning, noon and evening, by wind, rainfall, snow and sun in the ever-changing cycle of autumn, winter, spring and summers’ light.

It feels as though the spectator can smell the freshly chopped wood and hear the hammering down of the woodworker, the first calls of the finches and the cuckoo sensing the winter-ridden carpets of leaves cautiously touching the vulnerable bark.

This project is a patient event. Grounded in time. It is set in the woods like a deep breath devoid of memory. It sets free a gaze, knowing, not revealing. A gaze exempt from contrition, exempt from suggestion. For seconds on time the viewer is confronted with the disquieting tear of time while being watched from something slightly touched in un-design, unfollowed and barely noticed.

The lines of forest by Silke Panknin strive to uncover locations in which language is lost and the word is found. Calm and silently they arise, revealing its secret in seconds, their only language being nothing but their short and consolatory existence. They are guardians of fleeting hurried time, not giving in and unrelenting because they are made to measure what remains be protected. The natural-space conquered for arts’ sake beholds a mixture sensibility and post-tensioning chill. It is a funeral march and an intellectual adventure at the same time.


translated by Johannes Jansen


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